Das Dorf

Aus den Eninger Nachrichten 31/2022 vom 5. August 2022.

Was gehört zu einem Dorf? Häufig sieht die Liste so aus: Kirche, Pfarrhaus, Rathaus, Gastwirtschaft, Dorfbrunnen, Bauernhöfe, ein kleiner Laden… Oft sind aber heute die Einkaufsmöglichkeiten an den Ortsrand gewandert oder noch weiter weg; die Bauernhöfe stehen zwischen den Feldern, und die meisten Einwohner wohnen in Neubaugebieten am Ortsrand und arbeiten auswärts.

Viele Gebäude im Dorf werden anders genutzt als früher. Das alte Bauernhaus mit der Linde auf einem unserer Fotos wird nicht mehr als Hof bewirtschaftet, sondern ist hergerichtet und Wohnhaus geworden. Nur die großen Holzvorräte zeigen, dass der alte Ofen noch in Betrieb ist. Wo der Misthaufen war, sind Rasen und Sträucher, und links steht der Eimer für den Biomüll.

Rathaus und Kirche in Bichishausen wirken idyllisch. Der Verkehr im Lautertal läuft auf der Umgehungsstraße. Wer im Dorf noch unterwegs ist, ist es (wie hier am Samstagmorgen) als Ausflügler mit dem Rad oder als Einheimischer mit dem Auto, um auf dem Friedhof nach dem Familiengrab zu sehen. Sonntags ist Gottesdienst in der Kirche, aber Bichishausen mit seinen 130 Einwohnern hat keinen eigenen Pfarrer mehr. Es gehört zur Seelsorgeeinheit Münsingen. Im Rathaus tagt der Ortschaftsrat; die Gemeindeverwaltung ist in Münsingen. Kindergarten und Schule sind nicht mehr am Ort. Der Gasthof lebt vom Tourismus.

Der Blick vom Dreifürstenstein zum Hohenzollern auf unserem letzten Bild zeigt zwei Orte, die ihren dörflichen Charakter ganz oder teilweise bewahrt haben: im Vordergrund Beuren, 200 Einwohner, heute ein Stadtteil von Hechingen, und dahinter Hechingen-Boll, deutlich größer und mit mehreren Neubaugebieten. Beide Dörfer liegen im Verkehrsschatten und nicht an Durchgangsstraßen. Die Orte an der B32 Hechingen-Albstadt sind durch Gewerbegebiete geprägt. Sie sind nicht nur Wohnort, sondern auch Arbeitsort, aber weniger fotogen.

Fazit: Dörfer zu fotografieren ist gar nicht so leicht. Man bräuchte eine Serie, die verschiedene Typen von Dörfern und ihren Wandel zeigt.

Peter Nabholz
Blick über Beuren und Boll auf den Hohenzollern
Belichtungszeit: 1/200s. Blende: f/13. Brennweite: 77 mm. Empfindlichkeit: ISO 200. Format: APS-C.
Peter Nabholz
Rathaus und Kirche von Bichishausen im Lautertal
Belichtungszeit: 1/900 s. Blende: f/8. Brennweite: 30 mm. Empfindlichkeit: ISO 200. Format: APS-C.
Marion Renz
Ehemaliges Bauernhaus in Tengen
Belichtungszeit: 1/250 s. Blende: f/8. Brennweite: 18 mm. Empfindlichkeit: ISO 100. Format: APS-C.

Mit den Fotofreunden unterwegs: Museum Alraune in Haigerloch

Aus den Eninger Nachrichten 25/2022 vom 24. Juni 2022.

Das private Museum Alraune im ehemaligen Hotel Schwanen in Haigerloch beherbergt Kunstschätze der besonderen Art: Lebensgroße Figuren, von Alraune Siebert aus Stoff genäht, einzeln oder in Gruppen arrangiert, stellen unter dem Motto „Alraune im Champagner-Sud“ skurrile Situationen dar. In der Raucherlounge zum Beispiel sind unter anderem sechs Köche mit Kochmütze, alle Zigarre-rauchend, zwei Schweine, von denen eines wie ein Freund der Familie neben einem der Köche sitzt, eine riesige Kreuzspinne mit einem Frauenkopf, ebenfalls rauchend. Die meisten Personen haben Likörflaschen in der Hand (unzerbrechlich und garantiert alkoholfrei, da genäht). Auf dem Tisch stehen Schalen mit frischen Erdbeeren (ewig haltbar, da genäht).

Die bunte Mischung aus realistischen, phantastischen und karikierenden Elementen macht den Reiz der Ausstellung aus. Eine lebensechte Marlene Dietrich posiert neben einem Grammophon, dessen Nadel eine menschliche Hand mit langen, rot lackierten Fingernägeln ist. Die Schelllackplatten sind genäht und darum unverwüstlich.

Nicht nur für Fotografen gibt es viel zu entdecken, und manches Detail findet man erst zu Hause beim Bearbeiten der Bilder. Einige Beispiele aus der Ausstellung zeigen wir hier. Genauere Informationen zur Ausstellung und zu den Öffnungszeiten gibt es unter www.panoptikum-siebert.de.

Egon Rudelbach
Noch ein Glas Champagner gefällig?
Belichtungszeit: 1/125 s. Blende: f/8. Brennweite: 37 mm. Empfindlichkeit: ISO 6400. Format: APS-C.
Uschi Schäfer
Alraune im Champagner-Sud
Belichtungszeit: 1/200 s. Blende: f/2,0. Brennweite: 50 mm. Empfindlichkeit: ISO 100. Format: Vollformat.
Dieter Hank
Die Raucher-Lounge
Belichtungszeit: 1/250 s. Blende: f/2,8. Brennweite: 218 mm. Empfindlichkeit: ISO 1600. Format: Vollformat.

Innenräume alter Kirchen

Aus den Eninger Nachrichten 23/2022 vom 10. Juni 2022.

Wer den Innenraum alter Kirchen fotografiert, ob mit Systemkamera oder mit dem Smartphone, stellt sich fast automatisch für ein Überblicksfoto in den Mittelgang. Denn Kirchenräume sind auf Symmetrie angelegt und haben meist genau geplante Sichtachsen. Wenn man sie in einer dieser Sichtachsen fotografiert, kommt ihre Wirkung am besten zur Geltung.

Zwei unserer Fotos wurden auf diese Weise fotografiert. Das eine, mit niedriger Kameraposition, von der Frauenkirche in Esslingen, betont die perspektivischen Fluchtlinien des Raum: der Säulenreihen, der Kirchenbänke, der Bodenfliesen – und am Ende dieser Fluchtlinien ist das Kreuz mit dem gekreuzigten Christus. Das andere Foto zeigt, senkrecht von unten aufgenommen, das gotische Kreuzrippengewölbe der Pfarrkirche St. Marien in Güstrow. Das Besondere dieser Kirche ist das Triumphkreuz von 1516, das unten im Bild zu sehen ist: Nach Lübecker Vorbild steht auf einem Querbalken im Mittelschiff der gekreuzigte Christus zwischen vier anderen biblischen Gestalten. Die monumentalen Figuren, hier von unten fotografiert, beherrschen den Kirchenraum. Im 19. Jahrhundert wurden sie abgebaut und erst 1928 auf Initiative des Bildhauers Ernst Barlach, der in Güstrow lebte, wieder in der ursprünglichen Anordnung aufgestellt.

Das Gegenstück zu diesen beiden repräsentativen Stadtkirchen ist unser drittes Bild, eine bescheidene alte Dorfkirche auf Zypern. Im Halbrund der Altarapsis aus Natursteinen stehen unter einem Öllämpchen im Seitenlicht das Kreuz, ein Heiligenbild und zwei Leuchter. Sie sind nicht Teil einer geplanten Innenausstattung, sondern mit einfachen Mitteln arrangiert. Das Ganze wirkt schlicht, ursprünglich, einladend, fast familiär.

Peter Nabholz
Pfarrkirche St. Marien in Güstrow: Kreuzrippengewölbe und Triumphkreuz
Belichtungszeit: 1/40 s. Blende: f/7,1. Brennweite: 18 mm. Empfindlichkeit: ISO 3200. Format: APS-C.
Martin Stein
Frauenkirche Esslingen
Belichtungszeit: 1/6 s. Blende: f/4. Brennweite: 15 mm. Empfindlichkeit: ISO 400. Format: Micro-Four-Thirds.
Dietmar Werz
Dorfkirche auf Zypern
Belichtungszeit: 1/20 s. Blende: f/7,1. Brennweite: 18 mm. Empfindlichkeit: ISO 1600. Format: APS-C.
Skip to content